Warum Hamburg?

Die Deutsche Wildtier Stiftung erstellt derzeit die erste Rote Liste der Wildbienen und Wespen von Hamburg. Das 2016 gestartete Projekt wird von dem Wildbienenexperten Dr. Christian Schmid-Egger betreut und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Projektpartnern, vor allem vom Zoologischen Institut sowie dem Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg, durchgeführt.

Was ist eine Rote Liste?

Rote Listen geben Auskünfte darüber, ob Arten in ihrem Bestand gefährdet sind. Damit stellen sie ein Instrument für den Naturschutz und die Landschaftsplanung dar, um Artenvorkommen und damit auch Biotope bewerten zu können. Dies dient zur Grundlage von Biotop- und  Artenschutzmaßnahmen.

Für Hamburg fehlt eine systematische Bestandsaufnahme und Rote Liste der Wildbienen. Für die umliegenden Bundesländer sowie für zahlreiche weitere Bundesländer in Deutschland liegen Rote Listen vor. Daten aus den benachbarten Bundesländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind für die Bewertung von Wildbienenvorkommen in Hamburg nur bedingt verwendbar, weil Hamburg überwiegend städtische Habitate besitzt. Deren Artenzusammensetzung weicht von der Wildbienenfauna der benachbarten Flächenstaaten stark ab.

Warum Wildbienen?

Die Wildbienen sind eine wichtige Zeiger- und Zielgruppe für landschaftsökologische Bewertungen, Eingriffsplanungen und andere naturschutzfachliche Fragestellungen. Dafür sind sie aus den folgenden Gründen in besonderer Weise geeignet:

  •  Wildbienen besitzen sehr plastische und gut beschreibbare Ansprüche an ihren Lebensraum. Ihre Larven versorgen sie mit Nektar und Pollen von blühenden Pflanzen und sind hierbei teilweise in der Wahl ihrer Nahrungspflanzen hoch spezialisiert. Sie werden auch als oligolektische Arten bezeichnet. Arten die bei der Wahl der Nahrungspflanzen nicht spezialisiert sind (z. B. die Honigbiene oder viele Hummelarten) nennt man polylektische Arten. Auch hinsichtlich ihres Nisthabitats sind Wildbienen sehr wählerisch. Manche Arten nisten in der Erde (endogäisch), andere oberirdisch (hypergäisch) in Alt- oder Totholz, in abgestorbenen Pflanzenstängeln etc. Diese hohen Ansprüche machen die Bienen sehr wertvoll, um auch kurzfristige Änderungen in der Landschaft darzustellen. Wird ihr Vorkommen erfasst und dokumentiert, können bei landschaftsökologischen Bewertungen, Eingriffsplanungen und Naturschutz-Fragen die richtigen Entscheidungen getroffen werden.
  • Wildbienen sind gut erforscht. Die Ökologie und Verbreitung der Arten in Deutschland ist in der Literatur sehr gut dokumentiert.
  • In der Landschaftsplanung besteht eine langjährige und fundierte Erfahrung mit Wildbienen.
  • Außerdem sind die Bienen eine wichtige Bestäubergruppe für zahlreiche landwirtschaftliche Nutzpflanzen, insbesondere für Sonderkulturen. Ein weiterer Vorteil ist ihr positives Image. Damit können sie sehr gut Ziele des Naturschutzes in die Öffentlichkeit transportieren.
  • 2016

     

    Kartierung

  • 2017

    Kartierung

     

    2017

  • 2018

     

    Kartierung

  • 2019

    Kartierung

     

    2019

  • 2020

     

    Veröffentlichung der Roten Liste

Warum werden auch die Wespen mit erfasst?

Die Wespen gehören wie die Wildbienen zu den Stechimmen. Sie eignen sich hervorragend, um in der Landschaftsplanung ergänzende Aussagen zu den Wildbienen zu treffen. Wenn wir von Wespen sprechen, denken wir meist an die sozialen Faltenwespen. Hier sind besonders die Deutsche Wespe und die Gewöhnliche Wespe (Vespula germanica und Vespula vulgaris) als Kuchenräuber und Konkurrenten am Grill gut bekannt. Auch die Hornisse, Deutschlands größte Faltenwespe, kennen viele Menschen. Neben den sozialen Faltenwespen gibt es die sehr viel artenreichere Gruppe der solitären Wespen. Viele dieser Arten tragen Schmetterlings-, Käfer- und Blattwespenlarven als Nahrung für ihren Nachwuchs ein. Sie besiedeln alle möglichen Lebensräume und nisten sowohl im Boden als auch oberirdisch. Manche Arten bauen sogar Mörtelnester. Sie leben sehr versteckt und treffen mit Menschen äußerst selten zusammen. Wie die Wildbienen sind sie vor allem auf offene und warme Lebensräume angewiesen und treten artenreich z. B. in Stadtbrachen auf. Zudem sind mehr Arten als bei den Bienen auf oberirdische Nistquellen (Totholz, Stängel) angewiesen. Damit ist eine deutlichere vergleichende Bewertung von Lebensräumen möglich.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Die Untersuchungsflächen werden jeweils zwischen April und August in regelmäßigen Abständen (5 – 6 x) untersucht. Die Flächen müssen so häufig begangen werden, da viele solitäre Wildbienen arttypische Flugzeiten von nur wenigen Wochen haben. Das heißt, dass wir im Frühjahr andere Arten vorfinden als im Spätsommer. Da Wildbienen nur an trockenen und warmen Tagen aktiv sind, müssen die Begehungen immer sehr kurzfristig geplant und durchgeführt werden. Hauptwerkzeug der Biologen ist hierbei der Kescher mit denen die Bienen gefangen werden. Zusätzlich werden Fallen, wie die Malaisefalle (Zeltartige Falle zum Erfassen von Fluginsekten), eingesetzt. Wildbienen, die nicht sicher während der Begehung auf Ebene der Art bestimmt werden können, werden der Natur entnommen, um sie im Labor unter dem Binokular (ähnlich einer Lupe) zu präparieren und zu bestimmen. Da Wildbienen unter dem Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes stehen, wurde uns für das Vorhaben von der Umweltbehörde Hamburg eine Ausnahmegenehmigung für den Fang ausgestellt. Das Abtöten und die Präparation der Tiere sind erforderlich, weil die Unterscheidungsmerkmale vieler Wildbienenarten nur bei hoher Vergrößerung erkennbar sind. Bei einer Reihe von Tieren müssen auch die männlichen Genitalien heraus präpariert werden, anhand derer die Arten dann erkannt werden können. Nur etwa 20-30 % aller Arten lassen sich direkt im Gelände bestimmen.

Übersicht der bisher begangenen Untersuchungsflächen.

Wie viele Wildbienenarten konnten bislang nachgewiesen werden?

Die Erfassungen der Deutschen Wildtier Stiftung schließen zum Jahreswechsel 2018/2019 mit einem höchst erfreulichen Ergebnis ab. Bislang konnten 390 Stechimmenarten, darunter 175 Wildbienenarten und 215 Wespenarten, auf den Untersuchungsflächen nachgewiesen werden.

2017 war besonders der Fund folgender Arten bemerkenswert:

  • Furchenbienenart (Lasioglossum monstrificum)

Diese Furchenbienenart wurde erst vor wenigen Jahren beschrieben, bzw. von L. sexstrigatum abgetrennt. Sie gilt in Deutschland als sehr selten und konnte an insgesamt fünf Standorten im Hamburger Stadtgebiet nachgewiesen werden. Sie lebt auf sandigen Böden. Die Art war früher unter dem Namen L. sabulosum bekannt.

  • Holz–Blattschneiderbiene (Megachile ligniseca)

Die Holz–Blattschneiderbiene ist eine der herausragenden Bienenfunde der Untersuchung 2017. Die Art wurde auf dem Gelände des Golfplatzes Holm gefunden, der bereits zu Schleswig–Holstein gehört. Die Art dürfte jedoch auch im Hamburger Stadtgebiet vorkommen. Die bundesweit sehr seltene Art gilt im Norden als sehr selten (RL–SH R, RL–NI G). Die Art ist vor allem in lichten Wäldern sowie an Waldrändern verbreitet und benötigt stehendes Totholz mit Käferbohrlöchern zur Nestanlage. Die Wildbiene ist in Deutschland stark gefährdet (RL–D 2).

  • Heidekraut–Bienen
  • Heidekraut–Sandbiene (Andrena fuscipes)
  • Heidekraut–Seidenbiene (Colletes succinctus)
  • Heide–Filzbiene (Epeolus cruciger)
  • Heide–Wespenbiene (Nomada rufipes)

Im Hamburger Stadtgebiet kommen alle vier Bienenarten vor, die mit Heidekraut (Calluna und Erica) vergesellschaftet sind. Die Sandbiene und die Seidenbiene tragen Heide–Pollen als alleinige Larvennahrung ein, während die beiden anderen Arten jeweils brutparasitisch leben (die Wespenbiene bei der Sandbiene, die Filzbiene bei der Seidenbiene). Alle Arten sind ausschließlich in Sandgebieten mit ausreichend großen Calluna (=Heidekraut)– beständen zu finden. Sie sind in Deutschland bis in den Norden weit verbreitet, doch nirgends häufig. Gleiches gilt für das Untersuchungsgebiet, alle Arten wurden nur an wenigen Standorten nachgewiesen.

2018 war besonders der Fund folgender Arten bemerkenswert:

  • Gelbbindige Furchenbiene (Halictus scabiosae)

Die Gelbbindige Furchenbiene ist eine wärmeliebende Bienenart, die aus dem Mittelmeerraum stammt und die in Deutschland ursprünglich nur in der baden-württembergischen Oberrheinebene vorkam. Seit Mitte der 1990er Jahre mit dem Beginn steigender Durchschnittstemperaturen erweiterte die Art stetig ihr Areal nach Norden und Osten. Bisher war sie nördlich bis zur Elbe in Sachsen-Anhalt sowie bis zum Niederrhein bekannt. Mit dem aktuellen Nachweis in Hamburg/Fischbecker Heide hat die Art einen weiteren Sprung nach Norden getan und kann damit in Kürze im gesamten norddeutschen Raum erwartet werden.

  • Wespenbiene (Nomada obscura)

Die Wespenbiene Nomada obscura ist eine sehr selten gefundene parasitische Wespenbiene, die bei der Sandbiene Andrena ruficrus parasitiert. Der aktuelle Fund stammt aus dem NSG Schnaakenmoor. Die Art stellt wurde in Norddeutschland letztmalig 1933 in Schleswig Holstein gefunden, der Nachweis dieser Art stellt daher einen Wiederfund dieser höchst bemerkenswerten Art dar.

  • Grabwespe (Mimumesa littoralis)

Von dieser extrem seltenen Art liegen nur wenige zerstreute Funde aus dem gesamten Bundesgebiet vor. Im norddeutschen Raum wurde die Art lediglich 1947 auf Amrum nachgewiesen. Sie kam in einer größeren Individuendichte in Hamburg-Altenwerder vor und belegt die Bedeutung wertvoller Bienen- und Wespen-Lebensräume für die Erhaltung der Artenvielfalt.

Bildquellen

  • Knotenwespe: Manuel Pützstück
  • Sandwespe: Manuel Pützstück
  • Malaisefalle: Manuel Pützstück
  • Kescherfang: Manuel Pützstück
  • Dr. Christian Schmid-Egger bei der Arbeit: Manuel Pützstück
  • Rote Liste: Manuel Pützstück